Fechtkleidung
in der Folterkammer

 

Wie Fechtkleidung beim
Institut für Textil- und Verfahrenstechnik
in Denkendorf bei Stuttgart
auf ihre Stoßfestigkeit und Schutzwirkung
getestet wird

 

Recherche, Text und Fotos
von Steffen Eigner

 


Beim Presstest muss die Fechtmaske
90 Kilogramm Druck ertragen

30 Sekunden lang wirkt der Stahldorn
mit 100 Kilogramm Druck auf das Maskengitter ein

Viele Nichtfechter fragen oft, ob Fechten denn nicht gefährlich ist. Die meisten denken dabei natürlich weniger an verstauchte Knöchel als vielmehr an Stichverletzungen.

Stichverletzungen durch eine Klinge sind zunächst nur möglich, wenn diese bricht. Auf einer intakten Klinge befindet sich schließlich der kleine Schalter für die Trefferanzeige, und der ist völlig stumpf. Erst durch eine gebrochene Klinge - und irgendwann ermüdet jeder Stahl - sind Stiche überhaupt möglich. Eine spezielle Stahllegierung bewirkt jedoch, dass die Fechtklingen nur glatt, nie aber splitternd brechen können. Dennoch wäre ein lebensgefählicher Stich mit einer abgebrochenen Klinge möglich, würden die Sportfechter nicht ihre High-Tech-Schutzkleidung tragen.

Ganz abgesehen davon, dass auch verstauchte Knöchel im Fechten weit seltener vorkommen als in vielen anderen Sportarten, sind Stichverletztungen durch die vor allem in den letzten zwanzig Jahren beinahe revolutionär verbesserte Schutzkleidung ausgeschlossen.

Jeder Fechter kennt die Etiketten an seiner Fechtkleidung, die deren Stoßfestigkeit von 800 Newton (80 Kiklogramm) je Quadratzentimeter bestätigen. Doch wie wird eigentlich getestet, ob die Ausrüstungsgegenstände die geforderten Normen tatsächlich erfüllen? Diesen Job übernimmt seit zirka zwölf Jahren das Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) in Denkendorf bei Stuttgart.

Über Jahre haben die Wissenschaftler des ITV Denkendorf in Zusammenarbeit mit den Herstellern und der FIE normierte Prüfverfahren entwickelt. „Immerhin handelt es sich bei Fechtkleidung um so genannte ,persönliche Schutzausrüstung’, kurz PSA, und ist damit in der EU für ein CE-Kennzeichen vorgesehen“, wie Hartmut Haid, Bereichsleiter Prüftechnik und Qualitätssicherung, erklärt. „Für diese CE-Kennzeichnung müssen die Anforderungen der EU-Richtlinie 89/686/EWG für PSA erfüllen. Darin ist beispielsweise auch enthalten, dass allein das Tragen der Ausrüstung ungefährlich sein muss, dass das Material also keine Giftstoffe enthält oder ähnliches“, so Haid.


Der Prüfdorn aus Stahl ist mit 3x3 Millimeter Querschnitt
kaum dicker als ein Streichholz und hat zudem
eine Spitze von 120 Grad

Mit 1500 Gramm Gewicht saust ein Stahldorn
aus 80 Zentimetern Höhe durch ein Rohr
auf sechs verschiedene Stellen des Maskengitters

Doch das Hauptinteresse des Instituts gilt natürlich der in der EU-Norm EN13567 geforderten Schutzwirkung gegen Stöße. Dafür müssen Masken und Kleidungsstücke verschiedener Hersteller bei ITV-Mitarbeiter Richard Löchel wahre Torturen über sich ergehen lassen. Eine handelsübliche Fechtmaske spannt der Wissenschaftler in eine Maschine ein. Dann presst die Maschine die Maske zusammen, einmal oben und unten, einmal seitlich. Jeweils fünf Sekunden lang wirken 90 Kilogramm auf das Drahtgitter ein. „Wenn es dabei kracht und knirscht, entfernen wir den Gummiring außen herum und prüfen mit zwei dünnen Stiften auf Brüche“, sagt Löchel. Diese Prüfstifte sind nur Bruchteile von Millimetern dick. Doch die vorliegende Maske zeigt keine Schwächen. Danach kommt die Zugprüfung. 30 Sekunden lang ziehen 100 Kilogramm am Maskenlatz. Auch diese Tortur übersteht das gute Stück aus schwäbischer Produktion schadlos.

Jetzt erst beginnt der eigentliche Durchstoßtest. Als erstes nimmt Richard Löchel eine statische Prüfung vor. Ein Prüfstift aus Stahl mit quadratischem Querschnitt von drei mal drei Millimetern – also nicht dicker als ein Streichholz – und einer Spitze von 120 Grad drückt mit 1000 Newton (zirka 100 Kilogramm) gegen das Drahtgeflecht. Nach 30 Sekunden löst sich der Druck. „Die Restverformung darf nicht mehr als 10 Millimeter betragen“, sagt Löchel und vermisst die zurückgebliebene Delle: „Bestanden!“

Doch der armen Maske steht das Schlimmste noch bevor. Löchel befestigt sie unter einem senkrechten Rohr. In 80 Zentimetern Höhe über der Maske lauert darin der bereits genannte Prüfstift und hat noch 1,5 Kilogramm im Gepäck. Sechs Mal saust der Stift mit dieser Wucht auf die Maske. Je zwei Prüfpunkte im Bereich der Augen, des Mundes und der Ohren werden malträtiert. Die Aufprallspuren sind anschließend deutlich zu sehen, doch das Drahtgitter lässt nichts durch. „In seltenen Fällen erwies sich der Bereich der Ohren als Schwachstelle. Die Vorderseite der Maske hat durch die Wölbung zusätzliche Stabilität“, so Löchel, der sich nun eine Fechtjacke vornimmt.


Unter den Augen von Richard Löchel
ziehen 100 Kilogramm am Maskenlatz

Mit der Wucht von 19 Kilogramm fällt der in einem
Schraubrahmen straff gespannte Jackenstoff
aus 2,60 Metern Höhe auf den Prüfdorn aus Stahl

Jacken und Hosen steht als erstes ein Test der Nähte bevor. Unter einer Stahlglocke werden diese einer Berstprüfung unterzogen. Dazu wird eine Gummiblase aufgepumpt, die sozusagen den Hintern eines Fechters beim Ausfall simuliert. Nur Kleidungsstücke mit absolut reißfesten Nähten sind für den Fechtsport geeignet.

Für den anschließend folgenden Durchstoßtest werden kreisrunde Textilstücke von mehreren Zentimetern Durchmesser aus der Jacke gestanzt. Das Kleidungsstück eines britischen Herstellers musste offenbar schon mehrere Teststücke hergeben und sieht bereits aus wie ein Schweizer Käse. Die ausgestanzten Textilkreise spannt Richard Löchel straff und fest in einen Schraubrahmen. Dann wird das Prüfobjekt in einem Prüfstand gemeinsam mit 19 Kilogramm Ballast in 2,60 Meter Höhe gezogen, während unten der bereits erwähnte Prüfstift wartet. Mit unglaublicher Wucht saust der Schlitten herab, beschleunigt dabei auf sechs Meter pro Sekunde (22 km/h) und trifft krachend auf den Stahlstift. Jede noch so dicke Lederjacke hätte sofort ein glatt durchstoßenes Loch. Das Fecht-Textil jedoch hält stand. Es zeigt zwar eine leichte sichtbare Beschädigung auf der Außenseite, dennoch konnte der Stift nicht hindurchdringen. Erst beim zweiten „Stoß“ auf dieselbe Stelle muss das Gewebe klein beigeben.


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